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War Goethe der wahre Nostradamus? Vorhersagen und Andeutungen in Iphigenie auf Tauris

Der mittelalterliche Astrologe und “Prophet” Nostradamus dürfte den meisten zumindest vom Namen bekannt sein. Auch bekannt ist, dass an seinen Prophezeiungen nicht viel wahres steckt.

In einer Phase der montäglich wiederkehrenden geistigen Umnachtung heute kam ich auf die Idee, in Johann Wolfgang von Goethes Iphigenie auf Tauris nach solchen Prophezeiungen zu suchen. Und ob es die werten jetzt sicherlich schon völlig überwältigten Leser glauben oder nicht, ich wurde fündig. Sieht man die Versnummern des Werkes als Jahreszahlen, wird man bei erstaunlich vielen historischen Ereignissen fündig. Die Hinweise auf auch kurze Ereignisse sind oft länger als nur ein Vers, aber ein Dichter wie Goethe konnte sich eben nicht kurz fassen.

Um nachzuvollziehen, dass meine folgenden Nachweise auch der Wahrheit entsprechen, verlinke ich hier den Originaltext im Projekt Gutenberg. Dort sind leider keine Versangaben vorhanden, deswegen verwende ich die Ausgabe der Hamburger Lesehefte, deren Verszahlen sich aber mit dem originalen decken (Es kann gerne jemand nachzählen)

Beginnen wir mit der frühen Geschichte unseres Kulturkreises, der Kreuzigung Jesu. Goethe datiert diese auf das Jahr 28 nach Christi Geburt:

28 Ein ehrenvoller Tod ist ihm bereitet.

29 Wie eng-gebunden ist des Weibes Glück!

Mit Sicherheit finden sich im darauffolgenden Jahrtausend zahlreiche weitere Andeutungen, diese bleiben mir aber momentan aufgrund mangelnden Geschichtswissens verborgen. Mit Sicherheit datieren lässt sich aber die Eroberung Englands durch die Normannen im Jahr 1066:

1066 Und sie, berechtigt zum Verderben, treten

1067 Der gottbesäten Erde schönen Boden,

1068 Von dem ein alter Fluch sie längst verbannte.

1069 Den Flüchtigen verfolgt ihr schneller Fuß;

1070 Sie geben nur um neu zu schrecken Rast.

Anfang der 1530er Jahre eroberte der spanische Conquistador Francisco Pizarro das Inkareich:

1528 Den festen Boden deiner Einsamkeit

1529 Mußt du verlassen! Wieder eingeschifft

1530 Ergreifen dich die Wellen schaukelnd, trüb

1531 Und bang verkennest du die Welt und dich.

Nun ja, mag der Leser denken. Diese Ereignisse liegen ja alle in der Zeit, bevor Iphigenie auf Tauris verfasst wurde (1786). Das stimmt auch, aber werfen wir einen Blick in die Zukunft: Die Andeutungen auf die französische Revolution 1789 beginnen schon sehr früh mit der Entwicklung der Aufklärung:

1783 Entsetzlich wechselt mir der Grimm im Busen;
1784 Erst gegen sie, die ich so heilig hielt;
1785 Dann gegen mich, der ich sie zum Verrath
1786 Durch Nachsicht und durch Güte bildete.
1787 Zur Sklaverei gewöhnt der Mensch sich gut
1788 Und lernet leicht gehorchen, wenn man ihn
1789 Der Freiheit ganz beraubt. Ja, wäre sie
1790 In meiner Ahnherrn rohe Hand gefallen,
1791 Und hätte sie der heil’ge Grimm verschont:
1792 Sie wäre froh gewesen, sich allein
1793 Zu retten, hätte dankbar ihr Geschick
1794 Erkannt und fremdes Blut vor dem Altar
1795 Vergossen, hätte Pflicht genannt
1796 Was Noth war. Nun lockt meine Güte

Der Sieg gegen Napoleon, dessen Selbstmordversuch und schließlich das Exil auf Elba 1814:

1812 Ein König, der Unmenschliches verlangt,
1813 Find’t Diener g’nug, die gegen Gnad’ und Lohn
1814 Den halben Fluch der That begierig fassen;
1815 Doch seine Gegenwart bleibt unbefleckt.
1816 Er sinnt den Tod in einer schweren Wolke,
1817 Und seine Boten bringen flammendes
1818 Verderben auf des Armen Haupt hinab;
1819 Er aber schwebt durch seine Höhen ruhig,
1820 Ein unerreichter Gott, im Sturme fort.

Der Erste Weltkrieg, Revolution, Abdankung des Kaisers, Kapp-Putsch:

1910 Wild gegen Wilde sein, wie Amazonen
1911 Das Recht des Schwerts euch rauben und mit Blute
1912 Die Unterdrückung rächen? Auf und ab
1913 Steigt in der Brust ein kühnes Unternehmen:
1914 Ich werde großem Vorwurf nicht entgehn,
1915 Noch schwerem Übel wenn es mir mißlingt;

1916 Allein Euch leg’ ich’s auf die Kniee! Wenn

1917 Ihr wahrhaft seid, wie ihr gepriesen werdet;

1918 So zeigt’s durch euern Beistand und verherrlicht
1919 Durch mich die Wahrheit!–Ja, vernimm, o König,

1920 Es wird ein heimlicher Betrug geschmiedet;

Die Machtergreifung Hitlers, dessen Selbstmord und das Kriegsende:

1932 Verspricht er dem von Furien Verfolgten,
1933 Des Mutterblutes Schuldigen, Befreiung.

[...]

1944 Ist es Verderben? so tödte mich zuerst!
1945 Denn nun empfind’ ich, da uns keine Rettung
1946 Mehr übrig bleibt, die gräßliche Gefahr,

Die Wiedervereiningung und die Probleme danach:

Iphigenie.
1989 Um Gut’s zu thun braucht’s keiner Überlegung.

Thoas.
1990 Sehr viel! denn auch dem Guten folgt das Übel.

Die Bush-Ära inklusive dem 11. September 2001 und dessen Folgen:

1998 In meiner Gegenwart führt ungestraft

1999 Kein Mann das nackte Schwert.


Iphigenie.

Entheiliget

2000 Der Göttin Wohnung nicht durch Wuth und Mord.

2001 Gebietet euerm Volke Stillstand, höret

2002 Die Priesterin, die Schwester.


Orest.

Sage mir!

2003 Wer ist es, der uns droht?


Iphigenie.

Verehr’ in ihm

2004 Den König, der mein zweiter Vater ward!

2005 Verzeih mir, Bruder! doch mein kindlich Herz

2006 Hat unser ganz Geschick in seine Hand

2007 Gelegt. Gestanden hab’ ich euern Anschlag

2008 Und meine Seele vom Verrath gerettet.

Und zuguterletzt Barack Obama

Orest.
2009 Will er die Rückkehr friedlich uns gewähren?

…mit Ausblick in die nahe Zukunft:

Iphigenie.
2010 Dein blinkend Schwert verbietet mir die Antwort.

Steht den USA ein euer Krieg bevor oder ist nur eine erneute Anfachung der alten Konflikte gemeint? Wir werden sehen.

Über Hinweise auf weitere Vorhersagen würde ich mich natürlich freuen.

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